Home / Info / Rede zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Nürnberg, 17.01.2009

Rede zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Nürnberg, 17.01.2009

 Die Toten mahnen uns!

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren vor 90 Jahren am 15. Januar 1919 von rechten Freikorps-Offizieren in Berlin unter Billigung der damaligen SPD-Führung erschossen worden. Auf der Gedenkveranstaltung an die ermordeten Arbeiterführer in Nürnberg, am 17.01.2009, sprach auch MdB Eva Bulling-Schröter, Landessprecherin von DIE LINKE Bayern.

Liebe Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen,

Neunzig Jahre nach ihrer Ermordung erinnern wir an Rosa Luxemburg. Gemeinsam mit den Zehntausenden die am vergangenen Wochenende in Berlin zur Gedenkstätte gezogen sind und mit unzähligen Menschen in der ganzen Welt gedenken wir dieser großartigen Frau:

Der Revolutionärin, der Liebenden, der Friedenskämpferin, der Kunstfreundin, der Theoretikerin, jener Frau, die mit Scharfsicht an der Entwicklung von Strategie und Taktik der proletarischen Bewegung arbeitete, die Anpassung und Revisionismus in der SPD einer beißenden Kritik unterzog, rücksichtslos gegen sich selbst.

Die selbst für den Frieden kämpfte und selbst vergessen mit ihren Tieren und Pflanzen reden konnte. Es ist die Ganzheit und Vielfalt der Persönlichkeit, mit ihren vermeintlichen und tatsächlichen Widersprüchen, die mich an Rosa Luxemburg so fasziniert. Es ist diese menschliche Größe die den Mord vor neunzig Jahren in besonderer Weise zu einem feigen und widerwärtigen Verbrechen macht.

Nicht ausgeübt von einer verrohten Soldateska, sondern von Auftragskillern in Uniform. Die Namen der Mörder und der Auftraggeber sind bekannt. „Schlagt ihre Führer tot“, hieß es in den Medien der Reaktion, „Viel Tote in einer Reih`, Karl und Rosa sind nicht dabei“, wurde im sozialdemokratischen Vorwärts gedichtet.

Reaktionäre aller Schattierungen bliesen zur Treibjagd auf die Arbeiterführer. Die Führung der SPD war verbal, und mit Noske, dem nach eigenen Worten „Bluthund“ der Konterrevolution, auch praktisch mit dabei. Als Politikerin einer Partei, die immer wieder und in vielerlei Hinsicht auch zu recht daran erinnert wird, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, sei mir dazu eine Bemerkung erlaubt. Es ist richtig, eine politische Bewegung muß ihr historisches Erbe im Ganzen antreten und das sind nicht nur die glanzvollen Seiten der Geschichte.

Aber das gilt nicht nur für DIE LINKE.

Neun Jahrzehnte nach dem Mord an Karl und Rosa sollte auch die SPD klarere Worte für diesen Teil ihrer Geschichte finden. Die Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg stehen nicht alleine, bekannte Namen wie der Kurt Eisners, stehen in einer langen Reihe mit anderen Opfern, deren Namen verloren gingen. Die Verbrechen der Konterrevolution an der Wiege der ersten deutschen Demokratie sind nicht nur moralisch verwerflich, sie hatten weitreichende politische Folgen. „Sozialismus oder Barbarei“, dass war der Bezugspunkt von Rosa Luxemburg in ihrem Aufsatz über die Krise der Sozialdemokratie.

“Dieser Weltkrieg – das ist ein Rückfall in die Barbarei. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur – sporadisch während der Dauer eines modernen Krieges und endgültig, wenn die nun begonnene Periode der Weltkriege ungehemmt bis zur letzten Konsequenz ihren Fortgang nehmen sollte.“, schrieb sie 1915. Nur 14 Jahre nach ihrem Tod, im Januar 1933, wurden diese Worte zur furchtbaren Realität. Der Sieg des deutschen Faschismus hat viele Ursachen. Eine davon ist, dass die Arbeiterbewegung, die im Jahr 1919 aufgerissenen Gräben nicht schließen konnte.

An Rosa Luxemburg zu erinnern ist weit mehr als sich geschichtliche Ereignisse in Erinnerung zu rufen. Es geht um jetzt und heute. Rosas Vermächtnis ist der Kampf für eine friedliche und gerechte Welt. „Wir sind wieder bei Marx“, sagte sie auf dem Gründungsparteitag der KPD. Es geht also darum, die Welt zu verändern und sie nicht nur zu interpretieren. Dafür können wir bei ihr vieles lernen. Aus dieser Fülle nur einige, wenige, für mich wichtige Aspekte.

Da ist ihr bedingungsloser Kampf gegen den imperialistischen Krieg. Wir erleben wie Krieg wieder ungehemmt zum Mittel für die Durchsetzung globaler politischer und wirtschaftlicher Interessen wird. Das Recht des Stärkeren ersetzt das Völkerrecht. Der Medienkrieg stellt alles in den Schatten was wir bislang an Kriegspropaganda kannten.

Natürlich denkt jeder in diesen Tag an die Menschen im Nahen Osten. Die Abriegelung und der faktische Belagerungszustand für die 1,5 Millionen Menschen in Gaza, der Beschuß israelischer Siedlungen und nun der Überfall einer riesigen Militärmaschinerie in ein dichtbesiedeltes Gebiet, mit bereits hunderten Opfern. Nein zum Krieg heißt für mich: Sofortiger Stopp der Kriegshandlungen, Rückzug der israelischen Armee und Öffnung der Grenzen, also Aufhebung des Belagerungszustandes für das Gaza-Gebiet. Von dieser Stelle aus grüße ich die FriedensdemonstrantInnen und die Kundgebung die zeitgleich in München stattfindet.

So furchtbar und aktuell das Geschehen in Palästina ist, es ist bei weitem nicht der einzige Krieg. Und es sind nicht irgendwelche finsteren, fremden Mächte die Krieg führen. Deutsche Waffen und Deutschen Soldaten sind weltweit mit dabei. Der Feind steht im eigenen Land. Wer für Frieden eintritt, muß Nein sagen zu weltweiten Einsätzen der Bundeswehr. Dieses bedingungslose Nein zum Krieg, dass ist vor allem für die deutsche LINKE ein Vermächtnis von Rosa Luxemburg. Da ist zum Zweiten die Demokratin Rosa Luxemburg. Für Sie war die Entfaltung der realen Demokratie Weg und Ziel der Revolution.

Sie wollte den Unterdrückungsapparat des bürgerlichen Staates nicht durch einen Neuen ersetzen. Sondern sah in der Gestaltungskraft der Volksmassen die Triebfeder der Revolution. Jede Einschränkung der Demokratie konnte nur eine zeitweilige, erzwungene, dem Wesen des Sozialismus fremde Erscheinung sein. Wir wissen, dass sich diese Auffassung in der internationalen kommunistischen Bewegung in der Praxis nicht durchgesetzt hat, dass der Mangel an Demokratie eine der Ursachen für die Diskreditierung des sozialistischen Experiments in Europa war.

Das Vertrauen von Rosa Luxemburg in die Macht und Kraft der Massen hat nicht nur für eine, aus heutiger Sicht ferne sozialistische Gesellschaft Bedeutung. Es geht auch um unser Verständnis heutiger sozialistischer Politik und Organisation, denn wenn die Volksmassen selbst die Gestalter der Geschichte sind, dann ist der wesentliche Inhalt linker Politik darauf zu richten, die Menschen selbst zum Handeln zu befähigen.

Nicht die Partei, nicht die Führung und auch nicht die ParlamentarierInnen handeln für das Volk, sondern helfen, damit die Menschen selbst ihre Geschicke in die Hand nehmen. Der außerparlamentarische Kampf hat für DIE LINKE nicht Vorrang, weil sie parlamentarisch schwach ist, sondern weil er die Grundlage jeglicher emanzipatorischen Bewegung ist. Jeder politische Ansatz, der dies aus dem Auge verliert, führt zur Stellvertreterpolitik. Beispiele lassen sich in der Geschichte der SPD, der GRÜNEN und in verschiedenen Ansätzen auch bei der noch jungen LINKEN finden.

Zum Dritten beeindruckt mich ihr Denken in Widersprüchen. Das Erkennen der Realitäten als Bedingung für das eigene Handeln. Die Dinge zu nehmen wie sie sind und nicht wie sie sein sollten. Dabei geht es nicht nur um die großen Widersprüche, wie dem zwischen Kapital und Arbeit, sondern um die vielen Problemstellungen, die keine einfachen Antworten zulassen.

Wie einfach gehen uns Sätze über die Lippen wie: Wir müssen ökonomische und ökologische Interessen in Übereinstimmung bringen. Erklär es den Hunderttausenden die ihr Brot und ein wenig mehr, in der Automobilindustrie verdienen. Oder, natürlich stehen die Beschäftigten und die Langzeitarbeitslosen auf einer Seite der Barrikade.

Und doch sind ihre konkreten Interessen nicht immer die Gleichen. Die nach Tarif bezahlten ArbeiterInnen in einem Großbetrieb freuen sich über jedes Prozent Steuersenkung, die Arbeitslosen gehen dabei leer aus. Für sie ist jeder Euro, und sei es eine Einmalzahlung, mehr wert. Im Gegensatz zu Kapital und Arbeit sind das zweifellos lösbare Widersprüche. Doch nur wenn wir sie erkennen, können wir uns auf die Suche nach Lösungen machen.

Zu diesen Themenkomplex gehörte für Rosa Luxemburg auch das Verhältnis von Reform und Revolution. Sie fasst ihre Position in den Begriff der „Revolutionären Realpolitik“ zusammen. Für sie bestand „zwischen der Sozialreform und der sozialen Revolution ein unzertrennlicher Zusammenhang, in dem … der Kampf um die Sozialreform das Mittel, die soziale Umwälzung aber der Zweck ist“.

Es ist müßig über die Begrifflichkeiten zu streiten. Es geht um den Kern. Reformen, politische Kompromisse, die nicht nur, aber im besonderen Maße in der parlamentarischen Arbeit oder bei einer Regierungsbeteiligung eingegangen werden müssen, habe eine Meßlatte: Verbessern sie die Lebensverhältnisse der Menschen, erweitern sie die demokratischen und sozialen Spielräume oder beschränken sie sich auf die Verwaltung des Elends. Auch in dieser Frage ist Rosa Luxemburg von größter Aktualität.

Vor neunzig Jahren hat die Reaktion den Menschen Rosa Luxemburg getötet. Ihre Ideen jedoch, sind lebendiger denn je. Deshalb will an das Ende meiner Ausführungen die Worte ihres Kampf- und Leidensgefährten Karl Liebknecht stellen.

Sie wurden am Tag ihrer Ermordung, am 15. Januar 1919 in der Zeitung „ROTE FAHNE“ veröffentlicht:

„Himmelhoch schlagen die Wogen der Ereignisse ­ wir sind es gewohnt, vom Gipfel in die Tiefe geschleudert zu werden. Aber unser Schiff zieht seinen geraden Kurs fest und stolz dahin bis zum Ziel.

Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird ­ leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen.

Trotz alledem!”

 

 

Top